Warum Du kein (zu großer) Fan sein solltest

So, ich hoffe, ich habe Deine Aufmerksamkeit. Wie – Du sollst kein großer Fan von mir sein? Natürlich meine ich damit nicht, dass Du meine Fanpage nicht liken sollst und Du mich nicht weiterempfehlen sollst, obwohl Du zufrieden mit meiner Arbeit bist. Auch mag ich es sehr, gemocht zu werden. Also nein, – von solcherart Sympathie- und Kompetenzbekundungen kann ich überhaupt nicht genug bekommen!

Wovor ich aber warnen will, ist vor dem zuviel des Guten: Um dieses kleine Quäntchen mehr an Begeisterung, an Buchstabentreue, an Glaube.
Gute Beispiele dafür findest Du zuhauf auf Facebook: Motivationstrainer, die mit einer Kalenderblatt-Binsenweisheit wahre Durchbrüche bei ihrer Leserschaft erzielen. Oder Warren Buffett, auf dessen missverstandene Äußerung hin hunderte von Menschen einfach bestimmte Aktien kaufen oder verkaufen.
Ich frage mich dabei manchmal: Wann haben diese Fans aufgehört, ihr eigenes Hirn zu benutzen? Wo ist das Hinterfragen, das auf-sich-selbst-hören, das Abwägen?

Von der Prominenz empfohlen…

In einer Diskussion erzählte mir eine junge Frau ohne Finanzbildung, dass sie sich habe finanzberaten lassen – und zwar bei einer regionalen Beraterin, die ihr von einer anerkannten Größe des Finanzgeschäfts, ich nenne sie hier jetzt mal Frau Well, empfohlen worden sei. Frau Well, ein Urgestein der Frauen-Finanzberatung, hat mehrere Bücher geschrieben und ist auf ihrem Gebiet – nämlich in Versicherungen – wirklich top.  Auf jeden Fall ist die junge Dame zu der ihr empfohlenen Beraterin gegangen und ist dort wohl auch gut beraten worden.
Bis zu diesem Punkt ist alles in Ordnung, es ist alles so gelaufen, wie es laufen kann und darf.
Sie war also ganz begeistert und erzählte weiter, dass sie für diese tolle Beratung über 2 Stunden, in deren Folge sie einen Fondssparplan über 100,- Euro abgeschlossen hat, nur eine Rechnung über 100,- € bezahlt habe.
100,- € für eine ordnungsgemäße Finanzberatung bei einem Profi? Das riecht nach Mischmodell – und für mich sind Mischmodelle in der Finanzberatung immer ein Anlass, nachzufragen, ob der Kunde transparent über die Kosten aufgeklärt worden ist. Als Mischmodell bzeichnet man in der Finanzberatungswelt übrigens alle Vermengungen von Honorar- und Provisionsvergütungen. Sie sind zwar nicht illegal, aufgrund ihrer Intransparenz aber eben auch bei schwarzen Schafen sehr beliebt…

Die unwillkommene Ent-Täuschung – man köpfe den Überbringer der Nachricht!

Ja, natürlich, sie habe nur 100,- Euro bezahlt und es ist ihr vollkommen unverständlich, wie jemand überhaupt auf die Idee kommen könne, bei einem Honorarberater (wie mir zum Beispiel) 500,- Euro für zwei Stunden Beratung hinzulegen! Wo es doch solch tolle Angebote gibt, die so viel günstiger sind und außer Zweifel auch viel besser, da sie ja von einer Koryphäe der Finanzberatung empfohlen sind. Sie ist sich sicher, dass alles offengelegt worden ist.
Fan-(at)-ismus hat die Angewohnheit, abzufärben und übertragbar zu sein. Klick um zu Tweeten
Ich hatte mittlerweile schon herausbekommen, wie die Kollegin arbeitet und festgestellt, dass über die Methodik der Honorarrechnung plus die Vereinnahmung von Provision und Courtage bei dieser Finanzberatung im Laufe von 5 Jahren dann doch mindestens 500,- Euro an Kosten* auflaufen werden.

Wie kläre ich einen Fan² auf, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen?

Ich sag´s Dir gleich: Es funktioniert nicht, einen solchen Fan aufzuklären. Der Idiot wird immer der Überbringer der Nachricht sein. Ein echter Fan² weigert sich nämlich, ent-täuscht zu werden.
Das ist reiner Selbstschutz:
Würde er die Aufklärung akzeptieren, so müsste er sich eingestehen, dass er das Objekt der Verehrung falsch verstanden oder nicht recht erkannt hat – also selbst einfach unaufmerksam oder nachlässig war. Und wenn er alles richtig verstanden hat  – tja, dann ist die vermeintliche Instanz eben doch keine umfassende Instanz. Sondern „nur“ ein Finanzberater aus Fleisch und Blut. Dem Fan² tut sowas besonders weh.
Eine Selbsttäuschung zu erkennen ist eben besonders schmerzhaft, weil man nur bei sich selbst die Schuld suchen kann. Und das ist natürlich umso härter, wenn man vorher der Meinung gewesen ist, etwas ganz besonders toll gemacht zu haben oder schlauer als der Rest gewesen zu sein.

Falls Du auch schon mal versucht hast, einen solchen Fan aufzuklären, weißt Du es ja schon: Du brauchst ein dickes Fell.
Aber ehrlich gesagt, kannst Du Dir den Aufwand auch sparen – denn ihr werdet beide nicht positiv gestimmt aus einer von Dir verursachten Enttäuschung rausgehen. Bis zum obligatorischen Ende – der Reaktionslüge („Natürlich wusste ich das alles!“) oder Trotzbehauptung („Ich finde das aber trotzdem alles toll!!)  – führe ich solche Diskussionen deshalb mittlerweile nur noch, wenn Mit-Hörer oder Mit-Leser davon profitieren können. Meine Missionarszeiten sind schon lange vorbei. 😉

Welche Sorte Fan bist Du?

Gerade wenn es ums Geld – um Dein Geld! – geht, möchte ich Dich bitten, eher ein kritischer Fan zu sein. Kein Finanzberater ist allwissend, kein Finanzprodukt ist kostenfrei und niemand arbeitet umsonst für Dich. Eine Empfehlung – selbst wenn sie von Frau Well oder Warren Buffett höchstpersönlich kommt – enthebt Dich nicht der Aufgabe, Dir selbst eine Meinung zu bilden. Hinterfrage immer, auf welche Art, warum und wer von dir und Geld bekommt – und das gilt ganz besonders, wenn Du glaubst, Du machst ein Schnäppchen!

 

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* Hier noch die Kosten für die Nach-Rechner (ja, bitte!):
Wir sprechen von einem Sparplan in einen aktiv gemangten Aktienfonds, Ausgabeaufschlag 5%, Gesamtkostenquote 1,6% wovon moderate 40% an den Vermittler als Courtage jährlich ausbezahlt werden.
Da wir davon ausgehen können, dass die Beratung absolut in Ordnung gewesen sein wird, gehe ich von einer Wertentwicklung von 4% p.a. nach Kosten aus.

Die Ausgabeaufschläge werden i.d.R. komplett an den Vermittler ausgezahlt:
Die 100,- Euro Sparrate teilen sich also auf in 95,24 € Fondskauf und 4,76 € Ausgabeaufschlag.
4,76 € x 12 Monate x 5 Jahre = 285,71 €

Etwas komplizierter ist die Courtage zu berechnen, da sie sich immer am Jahresbestand orientiert:

Stand Ende Jahr 1      1.163,68 davon 1,6%, davon 40% = 7,45 €
Stand Ende Jahr 2      2.373,92     “                     “                 15,19 €
Stand Ende Jahr 3      3.632,56     “                     “                 23,25 €
Stand Ende Jahr 4      4.941,54     “                     “                 31,62 €
Stand Ende Jahr 5      6.302,89    “                     “                 40,34 €
==>           117,85 €
Zusammen mit der Honorarrechnung über 100 € (ob brutto oder netto weiß ich nicht, deshalb nehmen wir sie einfach netto) = 285,71 + 117,85 + 100 = 503,55 €

 

In diesem Zusammenhang möchte ich Dir gerne meinen Leitfaden ans Herz legen:

–> So findest Du den richtigen Finanzberater für Dich

Ein Kommentar, sei der nächste!

  1. Das sind die selben Leute, die dir 2 Stunden lang versuchen zu erklären, dass sie doch „nur 100 Euro“ bezahlt haben. Danach versuchen sie dir noch 2 Stunden lang zu erklären, dass passive Einkünfte aus Abschlüssen doch keine Kosten sind. Wenn du Glück hast, kommt danach noch 2 Stunden lang die Einlassung, dass es doch toll ist, wenn die Beratung danach noch ein passives Einkommen generieren kann, dann sind schließlich alle zufrieden. Den Brückenschluss „Passives Einkommen“ = „Kosten“ = „hab ich für meine Beratung insgesamt bezahlt“ wirst du bei der Mehrheit der Bevölkerung (sogar bei Menschen, die selbsternannt „finanzaffin“ sind), selten finden.
    Letztlich sollte man aber so fair sein und sagen: wenn sie mit der Beratung und dem Produkt zufrieden ist, wenn das genau das war, was sie gesucht hatte und für sie gefunden wurde – dann gibt es 2 zufriedene Menschen: sie und ihre Beraterin. Es gibt ja nun auch genug Leute, die sich eine Kapsel Kaffeemaschine verkaufen lassen und total happy damit sind. Problematisch wird das meistens erst dann, wenn man sie auf die tatsächlichen Kosten hinweist 😉

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