Riester – Was Du grundsätzlich wissen solltest

Wer entscheiden will, braucht Wissens-Grundlagen

In fast jedem Gespräch über Altersvorsorge kommt das Thema „Riester“ auf – und außer der gesetzliche Rente erhitzt kaum ein Thema die Gemüter mehr. Es sind schon fast urban legends, die sich um Begriffe wie Förderfähigkeit, Zulagen, Grundsicherungsanrechenbarkeit, Huckepackverträge usw. ranken: Jeder weiß was und viele Köche verderben den Brei.
Um dir selbst eine fundierte Meinung zu Riester zu bilden, brauchst Du zum einen eine klare Vorstellung von der Systematik der Riesterrente und zum anderen eine Übersicht darüber, welche Produktarten es gibt und wo deren Vor- und Nachteile liegen.

Was steckt dahinter?

Die Zielsetzung des Staates, ein solches Produkt zu fördern, ist ganz klar: Du sollst Dir die gesetzliche Rente aufbessern.
Wenn Du weißt, wie die gesetzliche Rente funktioniert und warum jeder sozialversicherungspflichtige Angestellte von seiner Rente allein nicht „auskömmlich“ wird leben können, so ist es logisch, dass der Staat Anreize schaffen muss, damit er seine Bürger dazu bekommt, zusätzlich fürs Alter vorzusorgen.

Die Anreize können natürlich nur übers Geld gehen: Du bekommst jedes Jahr 154,- Euro vom Staat in deinen Riestervertrag eingezahlt, dazu kommen noch 300,- Euro jährlich für jedes Kind, für dass Du Kindergeld erhältst (falls deine Kinder vor 2008 geboren sind, hast Du ein bisserl Pech, dann bekommst Du nur 185,- € im Jahr).
Da Du alle eingezahlten Beträge (incl. der Zulagen, die Du selbst ja garnicht gezahlt hast) auch als Sonderausgaben in der Steuererklärung angeben kannst, bekommst Du bei entsprechender steuerlicher Situation auch noch ein paar Euro Rückerstattung. Darüber brauchst Du Dich allerdings nicht allzusehr freuen, denn das liegt daran, dass Du später alle Renten – auch die Riesterrente – versteuern musst und deshalb in der Ansparphase nicht auch noch belastet wirst.

Schließt Du also in jungen Jahren – sagen wir mal mit 23 – einen Riestervertrag ab, bekommst 2 Kinder und gehst ordnungsgemäß mit 67 in Rente, so kommen da im Laufe deines Riesterlebens satte 21.776,- € allein an Zulagen zusammen.

Wer bekommt die Förderung?

Es ist leichter, die Personen zu definieren, die nicht förderfähig sind, als alle die aufzuzählen, die es sind.
Wenn Du

  • rentenversicherungsfrei selbständig
  • pflichtkammerversichert (Apotheker, Rechtsanwälte, Ärzte usw.)
  • rentenversicherungsfrei geringfügig arbeitend
  • rentenversicherungsfrei teilweise erwerbsunfähig
  • kinderloser nichtarbeitender Ehepartner eines der oben Genannten bist

bist, bist Du nicht zulagefähig.

Da es hier immer wieder zu Missverständnissen kommt, hier noch eine Eselsbrücke, an der Du sich ganz gut orientieren kannst:
Sobald Kindererziehungszeiten und/oder irgendwie die gesetzliche Renteversicherung im Spiel ist, bist Du i.d.R. förderfähig.

So kann es eben auch kommen, dass Du zwar selbständig bist und selbst keine gesetzliche Rentenversicherung bezahlst, Du aber trotzdem riestern kannst, denn: Ist Dein Ehepartner gesetzlich rentenversichert (oder verbeamtet), bist Du – ungeachtet dessen, was Du selbst arbeitest – förderfähig.
Diese – vor allem für Mompreneurs (und natürlich auch Daddypreneurs) interessante – mittelbare oder indirekte Förderung wird Dir über einen sogenannten „Huckepack-Vertrag“ gewährt. Um Huckepack zu riestern, muss dein gesetzlich rentenversicherter Partner einen ordnungsgemäßen Riestervertrag besitzen, der dann mit deinem eigenen Vertrag (das muss nicht beim gleichen Anbieter sein) verknüpft wird.

Die Systematik – immer die gleiche Rechnung

Grundsätzlich orientiert sich die Höhe Deiner eigenen Beiträge an den rentenversicherungspflichtigen Einnahmen des Vorjahres.
Riesterst Du huckepack, bist Du für Dich schnell durch – denn du hast keine solchen Einnahmen und musst nur einen Mindesbeitrag von 60,- € im Jahr (!) einzahlen.
Rechnen musst Du trotzdem, denn Deine Förderung hängt mit an dem Vertrag Deines Partners – und um die komplette Zulage zu erhalten, muss dieser den Vertrag „voll besparen“.
Die volle Besparung besagt, dass im aktuellen Jahr insgesamt 4% des rentenversicherungspflichtigen Einkommens des Vorjahres abzüglich der Zulagen in den Vertrag eingezahlt sein müssen, um besagte Zulage in voller Höhe zu erhalten. Ist das nicht ordentlich ausgerechnet und Du zahlst aus Versehen nur die Hälfte an Beiträgen aus dem eigenen Geld ein – erhältst Du auch nur die halbe Zulage.

Deutlicher wird es an einem Beispiel:

Du bist verheiratet und selbständig, Dein Partner ist angestellt und verdient 50.000,- Euro im Jahr, ihr habt 2 Kinder, die 2007 und 2011 geboren sind.
Ihr könnt Euch nun aussuchen, wer von Euch beiden die Zulage für die Kinder erhalten soll, in der Regel einigen sich die Eheleute, dass derjenige, der weniger verdient, seine Rente noch notwendiger als der andere aufbessern sollte.
Wir entscheiden uns hier also dafür, dass Du sie bekommen sollst:

In Deinen Vertrag zahlst Du also einmal im Jahr 60,- Euro ein und wenn alles richtig gemacht ist, kommen da von Staats wegen noch 639,- Euro dazu (154,- für Dich selbst, 185,- für das ältere Kind, 300,- für das Kleine).
Um den Eigenbeitrag Deines Partners herauszufinden, musst Du jetzt folgendermaßen rechnen:

50.000,- Gehalt x 4% = 2.000,- €
abzgl. Euer aller Zulagen insgesamt 793,- € (154,- für Dich, 154,- für ihn, 485,- für die Kinder) => 1.207,- €
Dein Partner muss also 1.207,- € ( rund 100,60 € im Monat) in seinen eigenen Vertrag einzahlen.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Können, Müssen und Dürfen

Was nach unten hin recht streng geregelt ist (Mindesbeitrag 60,- € im Jahr, selbst für Hartz IV-Empfänger, Kindererziehende und Huckepackler), hat nach oben hin durchaus Spielraum:
Um die komplette Zulage erhalten, musst Du 4% abzgl. Zulagen einzahlen.
Sind diese 4% aber mehr als 2.100,- € (+ die 60,- € vom Ehepartner, falls vorhanden) , kannst Du es trotzdem dabei belassen: Die Höchstgrenze zur Prüfung, ob Du die Zulagen in voller Höhe bekommst, endet hier.
Du darfst allerdings soviel Beitrag in Deinen Vertrag einzahlen, wie Du magst – in wie weit das Sinn macht, hängt auch von der Produktform ab, die Du Dir auswählst.

Lesetipp: Alles was Du über #Riester wirklich wissen musst, um Dir Deine Meinung zu bilden. (Teil 1 von 2) Klick um zu Tweeten

 

TIPP: Um nicht jährlich die ganze Riesterkonstruktion überprüfen und ständig irgendwelche Verträge anzupassen, empfiehlt es sich, den Eigenbeitrag recht großzügig nach oben aufzurunden. Es ist unglaublich ärgerlich, erst nach zwei Jahren festzustellen, dass man nur einen Teil der Zulagen für sich und die 3 Kinder bekommen hat, weil es vor drei Jahren eine Gehaltserhöhung gab…

Weitere Rahmenbedingungen

Was der Staat von Dir will, damit Du die rechte Summe an Zulagen und Steueraufschiebungen bekommst, ist also klar.
Was aber bekommst Du für Dein Geld?
Auch die folgenden Punkte sind für alle Riesterprodukte (außer für Bausparverträge – dazu später mehr) gleich:

  • Zum Renteneintritt muss Dir garantiert mindestens die Summe aller eingezahlten Beiträge zur Verfügung stehen.
  • Dir muss daraus eine lebenslange Rente gezahlt werden.
  • Diese Rente würde Dir (noch. Da wird es eine Gesetzesänderung geben.) auf die Grundsicherung angerechnet werden, wenn Du später tatsächlich zum Amt gehen müsstest.
  • Du darfst 30% des angesparten Kapitals zu Rentenbeginn entnehmen.
  • Du darfst Deinen Riestervertrag zum Erwerb von Wohneigentum verwenden.
  • Du kannst den Vertrag jederzeit auflösen (und zahlst dann die Zulagen und Steuervergünstigungen zurück).
  • Du kannst deinen Vertrag jederzeit zu einem anderen Anbieter oder in eine andere Produktform umziehen.
  • Für Deine Zinsen und Gewinne musst Du keine Abgeltungssteuern zahlen und sie fallen nicht in den Freistellungsauftrag.
  • Wirst Du arbeitslos oder insolvent, ist Dein geförderter Riestervertrag vor jeglichem Zugriff sicher.
  • Dein Ehepartner darf Deinen Riester auf seinen Vertrag umschreiben wenn Du vor Renteneintritt stirbst.

Diese Parameter muss jedes Riesterprodukt erfüllen, komme da, was wolle. Worüber sehr kontrovers diskutiert wird, sind die verschiedenen Produktarten, in die diese Systematik eingebaut wurde.

Es ist aber sehr wichtig, zwischen der Systematik und den Produkten zu unterscheiden, denn leider tun das die Medien meistens nicht – und diskreditieren damit eine Vorsorgeform auf breiter Front, deren Notwendigkeit in Deutschland absolut unstrittig ist.

Im zweiten Teil von „Riester – was Du grundsätzlich wissen solltest“ reden wir über Produktarten – was ist für wen und warum geeignet?

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Dieser Artikel darf gerne geteilt, gelikt und ausschnittsweise kopiert (bitte mit Quellenangabe) werden:
Dieses Wissen ist wichtig und wertvoll und soll möglichst vielen Verbrauchern helfen.
In einem einzigen Artikel kann ich nicht alle Fragen vorwegnehmen und nicht alle Aspekte erschöpfend beleuchten, ich freue mich aber sehr, wenn Du mir Deine Anmerkungen und Fragen in das Kommentarfeld schreibst.


 

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10 Kommentare, sei der nächste!

  1. Meine Güte. Das ist einfach und gut erklärt.

    2 Freunde hatten mich mal in ihre jährliche Wertmitteilungen reinschauen lassen. Beide können teils gewollt, teils ungewollt keine Kinderzulage kassieren.
    Traurige Bilanz: Die Verwaltungs- und Abschlusskosten übersteigen die Zulagen.
    Markus

    1. Hallo Markus!

      Die Verträge Deiner Kollegen sind dann wahrscheinlich noch nicht sonderlich alt nehme ich an – oder sie haben eine für sich nicht passende Produktform gewählt (dazu im zweiten Teil des Artikels mehr).
      Genau das ist die Unterscheidung, auf die so großen Wert lege – nicht die Systematik macht den „schlechten“ Riestervertrag, sondern die unpassende Vertragsform beim falschen Anbieter führen zu solchen Auswüchsen.

      Wenn Du magst: Auf Facebook habe ich eine Gruppe „Deine Finanzbildung“ -> da rechne ich mit den Mitgliedern auch solche Sachen durch….

      Liebe Grüße und danke für das Lob („Meine Güte. Das ist einfach und gut erklärt.“) – so soll es sein. 🙂

      Anette

  2. Hallo. Guter Artikel. Trotzdem noch eine Frage dazu… Meine Frau und ich haben 2010 jeweils einen WohnRiester Vertrag abgeschlossen. Nun habe ich nach dem Studium ein recht hohes Brutto und müsste entsprechen im Monat über 100 € einzahlen. Da wir demnächst bauen wollen, möchte ich das Geld aktuell lieber kurzzeitig verfügbar habend sparen. Ist es also legitim, dass ich nur den Sockelbetrag von jährlich 60 € einzahle und die anteilige Grundzulage in Kauf nehme? Oder gibt es dabei noch andere Fallstricke?

    Viele Grüße, Oli.

    1. Hallo Oli!
      freut mich, dass Dir der Artikel gefallen hat.
      Ohne die genauen Umstände zu kennen, wäre es ziemlich fahrlässig von mir, Dir eine definitive Antwort zu geben – deshalb kann ich Dir mit einem Rat „zwischen Tür und Angel“ nicht wirklich dienen.
      Aber: Den Wohnriester werdet Ihr ja ziemlich gewiss in die Hausfinanzierung mit einbauen – also kommt das Geld so oder so im Haus an.
      Wenn Du es wirklich abwägen willst, kommst Du um das ausrechnen nicht herum – da kann ich dich nur in mein Finanzcoaching verweisen oder Du sprichst mit einem vertrauenswürdigen Finanzprofi deiner Wahl.

      Viele Grüße schickt Dir
      Anette

  3. Hallo,

    ein guter Beitrag. Mir fehlt nur der entscheidende Teil:
    Das dicke Ende der Wurst. Was passiert wenn ich 40 Jahre eingezahlt habe und nun Rentner bin?
    => Ich muss mein gesamtes eingezahltes Kapital (oder den Rest, wenn ich 30% rausnehme) in eine lebenslange Rente umwandeln. Der Riesteranbieter macht dies nicht (habe bisher keinen Vertrag gefunden), sondern Rentenanbieter. Die wollen erst einmal einen dicken Anteil (wir reden nicht von 1-2%) an deiner Kohle haben, weil sie dich ja versichern sollen.
    Dann bekommst du noch einen kleinen Anteil raus, der durch die aktuellen Sterbetafeln berechnet wird. Wahrscheinlich bist du tot, bevor du einen Sparanteil rausbekommen hast.
    Am Ende hast du ewig gespart und dir wird, wenn du Glück hast sogar ein Teil als Rente ausbezahlt.
    Versicherer und Folgerentenversicherer haben sich an dir bereichert.
    Für mich macht das keinen Sinn…

    LG B

    1. Hallo B!

      Danke für das Lob. 🙂
      Zum dicken ende der Wurst: Ja, am Ende muss ein Rentenanbieter zum Zug kommen – es gibt sonst keine andere Möglichkeit, eine lebenslange Rente zu garantieren.
      Genau das ist die Intension des Staates und der Sinn der Sache: Ein Vermögen kann aus vielen verschiedenen Gründen irgendwann verbraucht sein, eine Rente nicht. Es geht nicht in erster Linie darum, dem Volk eine gute Geldanlage anzubieten, es geht darum, zu unterstützen, damit die Menschen sich selbst die unzureichende Grundversorgung aufbessern.
      Die Rentabilität Deiner Einzahlungen hängt am Ende von deiner Lebensdauer und der Wahl deines Riesterproduktes ab:
      Wenn Du mal eine klassische 08/15 Allianz-Riester (das ist keine Werbung!!!! Allianz kennt halt nur jeder, es ist also nicht als Empfehlung meinerseits zu verstehen) proberechnen lässt (40 Jahre x 100 € mtl. einzahlen, Single, 1 Kind, keine Steuervorteile), wirst Du als Ergebnis erhalten, dass Deine eigene Sparleistung mit der Garantierente ab knapp 25 Jahren Rentenbezug zu Dir zurückgekommen ist. Wenn Du auch nur eine moderate Verzinsung des Geldes unterstellst (und, wie gesagt, dieses Produkt ist nun wirklich nicht das Gelbe vom Ei, die rechnen mit 4,34% auf die 100,- Einzahlung bezogen incl. aller Kosten und Zulagen), wärst du schon nach gut 8 Jahren Rentenbezug auf der Habenseite. (Wenn Du willst: In der Facebookgruppe „Deine Finanzbildung“ können wir solche sachen gerne rauf und runter rechnen -> https://www.facebook.com/groups/DeineFinanzbildung/ )
      Ja, Rentenversicherungen kosten Geld – aber das dürfen sie auch, denn sie erbringen eine Leistung. Über wie viel und auf welche Art lässt sich trefflich diskutieren, aber an der Sinnhaftigkeit insgesamt ist – wenn sie aus den richtigen Gründen abgeschlossen wurde – nicht zu rütteln.
      Hast Du denn mal deinen Vertrag (bzw. das Angebot deiner Wahl) tatsächlich nachgerechnet? Nur dann kannst Du tatsächlich bewerten – mit Wahrscheinlichkeiten und Annahmen kommst Du nicht zu einem korrekten Ergebnis.

      Liebe Grüße schickt
      Anette

    1. Huch, wo habe ich wen vertauscht?
      Für das kleinere Kind (also das jüngere, 2011 geborene) gibt es 300,- p.a. und für das Große, ältere (2007 geborene) Kind gibt es 185,- € p.a.
      Kannst Du mir den Satz kopieren, wo ich Tomaten auf den Augen zu haben scheine?

      LG
      Anette

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