Behalte Deine Glaubenssätze!

Kein Mensch hat eine neutrale Einstellung zu Geld. Die einen lieben es, andere halten es für eine Illusion und wieder andere verstecken den Neid der Besitzlosen hinter sozialpolitischen – oder gar religiösen – Floskeln.

Wir bauen uns unsere Einstellung zu Geld, Erfolg und Reichtum aus Zitaten, Faustregeln, Motti und anderen mehr oder weniger weisen Sprüchen. Vielleicht ist es auch umgekehrt und wir suchen uns die Sprüche passend zu unserer Einstellung – was hier die Henne und was das Ei ist, ist, soweit ich weiß, noch nicht abschließend neurowissenschaftlich geklärt. Egal ob Du sie aus deiner eigenen Erfahrungswelt selbst kreiert hast, oder sie aus dem Familienwortschatz, einem Zitatebuch, gar aus Facebook  übernommen hast: Wenn Du eine Situation, einen Anblick, eine Diskussion mit einem einzigen spontanen – sprichwörtlichen – Satz abschließend zusammenfasst ohne großartig nachzudenken, so ist das ein Glaubenssatz.

Ich denke, also kann ich alles sein, was ich will?

Heute wissen wir also: wie und was wir denken, formt unser Gehirn, unser Verhalten und damit auch unsere Stellung im Leben. Allerdings habe ich den Eindruck, seit der Entdeckung und Definition des Begriffs „Glaubenssatz“ arbeiten Unmengen an Büchern, Coaches und Therapeuten daran, uns Glück und Erfolg anzutrainieren wie die Muskeln in einem Fitnessstudio. Wir sollen täglich unsere Affirmationen sprechen bis sie zu Gebeten geworden sind und uns damit die richtigen Glaubenssätze aneignen – schon ziehen wir das Geld, den Erfolg und den idealen Partner an, wie die Motte das Licht. Wir bemühen uns, den Glauben an Gott (oder an wen oder was auch immer) durch den Glauben an unsere eigene Grenzenlosigkeit zu ersetzen: Aus „Ich denke, also bin ich!“ wird „Ich denke, also kann ich alles sein, was ich will!“.

Aber Glaubenssätze sind per se nichts schlechtes und wir sollten dankbar dafür sein. Sie machen es erst möglich, dass wir unseren komplexen Alltag überhaupt stemmen können: Ohne sie wären wir gezwungen, uns über jede Situation neu Gedanken zu machen und sie eingehend zu betrachten bevor wir überhaupt entscheiden können, wie wir handeln wollen. Ohne den Glaubenssatz „Niemals gibt man auf Zuruf Passwörter im PC ein oder klickt einen Link an“ würden wir, wenn eine unbekannte Telefonnummer anruft und das Gespräch beginnt mit „Dear Madam, I´m Anthony from Google“ nicht einfach auflegen, sondern uns mit der Situation beschäftigen. Ohne den Glaubenssatz „Man unterschreibt nie am gleichen Tag!“ würden noch viel mehr Menschen unnötige Versicherungen oder Zeitungsabonnements kaufen. Ohne ein „Man steigt nicht zu fremden Menschen ins Auto“ bekämen wir unsere Kinder nicht groß.

Glaubenssätze sind die Algorhytmen unseres inneren Systems

Solche Glaubenssätze geben uns Orientierung und ein Gerüst, indem wir uns sicher bewegen können. Sie beeinflussen unser Handeln und kanalisieren auch im Guten unsere Erfahrungen. Genau genommen programmieren sie uns, genauso wie wir (also diejenigen von uns, die Informatik-Cracks sind ;-)) ein sich selbst weiterentwickelndes Computerprogramm programmieren können. Sie sind die Algorhytmen, an denen wir uns entlang entwickeln: Sie schaffen Rituale und Gewohnheiten und beschützen uns davor, in der Flut an Informationen und der Schwierigkeit, sie jedesmal neu zu bewerten, zu ertrinken.

Deshalb mag ich meine Glaubenssätze, vor allem natürlich die, die sich mit Geld, Vermögen und Reichtum beschäftigen. Einige davon habe ich mir hart erarbeitet und mit vielen Erfahrungen bezahlt, manche sind mir in die Wiege gelegt worden und einige darf ich nutzen, um an ihnen zu wachsen.

Erst wenn ich stolpere, schaue ich, worüber

Ich hinterfrage also nicht all meinen bewussten Glaubenssätze, sondern nur denjenigen, über die ich stolpere. Denn manchmal stelle ich mir selbst ein Bein und stelle fest, dass mein System einen an sich guten, sinnvollen Glaubbenssatz plötzlich falsch interpretiert. Oder dass er durch seine unsaubere Formulierung schlicht ein falsches Signal aussendet, dass seinen guten Zweck ins Gegenteil verkehrt. Aus meiner Finanzdenke kann ich Dir drei gute Beispiele anbieten:

  • „Alles hat seinen Preis.“
    Oh ja. Da kann ich Dir ganze Arien darüber singen: Von Kosten, Prämien, Provisionen, Honoraren und Risiken, mit denen jegliche Rendite zu bezahlen ist. Das stimmt also soweit.
    Das Dumme ist, dass wir in diesem Zusammenhang das Wort „Preis“ nur negativ besetzen, will sagen, es tut immer weh, ihn zu bezahlen. Im Eifer des Gefechts schaffen wir es nicht, die Tatsache, dass man Preise auch gewinnen kann, davon zu trennen, dass er eine (mehr oder weniger gerechte) Entlohnung für eine Leistung ist. Sitzt ein solcher Glaubenssatz fest genug und fehlinterpretiert in Deinem System, kann sein sein, dass Du gar nicht mehr annehmen kannst, was Dir geschenkt wird oder „einfach zufliegt“. Wer nimmt schon gerne die Katze im Sack an, wenn er davor Angst haben muss, mit welchen Schmerzen er in Zukunft dafür zu bezahlen hat?
    Ich habe daher für mich beschlossen, darauf zu achten, diesen Glaubenssatz für mich umzuformulieren, damit er mir nicht mehr um die Ohren fliegen kann:
    „In der Finanzwelt gibt es niemals etwas umsonst!“ ist deutlich richtiger und lässt keinen Platz für Missverständnisse.
  • „Ohne Arbeit kein Geld.“ Und in der Steigerung: „Nur wer viel arbeitet, verdient auch viel Geld““.
    Auch sehr schön. Und wahr. Auch wenn alle Welt die lustige Mär vom passiven Einkommen zu singen scheint, so steckt hinter jedem verdienten Euro eine Bemühung jedwelcher Art.
    Der Knackpunkt steckt mal wieder nicht im Geld verdienen, sondern in der Arbeit. „Arbeit“ ist nämlich genauso schlecht besetzt, wie es die Preise sind: Sie muss weh tun. Und umso härter Du arbeitest, umso mehr Du Dich schindest, umso mehr Geld hast Du verdient. Dieser falsch verstandene – und gesellschaftlich hochakzeptierte – Glaubenssatz, ist im Großen mit ein Grund, über soziale Ungerechtigkeit zu klagen und im Kleinen, dem Kollegen seinen Maledivenurlaub zu missgönnen. (Worüber wir uns dann auch schon wieder ärgern – denn Neid ist nun wirklich kein Charakterzug, den man an sich selber gerne sieht.)
  • Der Klassiker: Geld verdirbt den Charakter.
    Ich dachte lange Zeit, dieser Glaubenssatz hätte mit mir überhaupt nichts mehr zu tun. Dann besuchte ich letztes Jahr die Reichen und Schönen in Marbellas Yachthafen:  Auf dem der vorbeiflanierenden Menge zugewandten Hinterdeck ihrer Yacht (schönes Boot, wirklich!) speiste in aller Seelenruhe eine Familie zu mittag, ganz stilecht mit Diener (!) – genau so, wie man es aus dem Klatsch- und Tratsch-Fernsehen kennt. Die ganze Situation wirkte auf mich vollkommnen surreal, als hätten diese Menschen „Wir haben mehr Geld, als Ihr zählen könntet, würdet Ihr den Rest Eures armseligen Leben damit verbringen!“ auf die Stirn tätowiert.
    Für mein System gab es keine Chance, diese Familie als „ganz normale“, anständige Menschen anzunehmen, die waren mir auf Anhieb hoch unsympathisch.
    Ich habe dann ernsthaft überlegt: Wer bin ich, dass ich diesen Leuten unterstelle, sie seien irgendwie nicht in Ordnung?
    Es hat ein bisserl gedauert, bis ich dahintergekommen bin: Nein, ich bin nicht neidisch und das Problem liegt nicht darin, dass ich ihnen ihren Luxus nicht gönne. Die demonstrative Zurschaustellung dieses Luxus´ ist es, die mich so abgestoßen hat. So dekadent und arrogant kann nur sein, wer ein Wertesystem hat, dass dem Meinen komplett entgegenläuft – und da ich mich naturgemäß für einen Menschen halte, der in Ordnung ist, können sie es eben nicht sein. Auf meine Art bin ich also genauso elitär wie sie – na, herzlichen Glückwunsch, Frau Weiß!
    Und doch: Das kann ich so lassen. Ich muss nämlich nicht alle Menschen lieben.
Warum Du Frieden mit Deinen Glaubenssätzen machen solltest: Du brauchst sie. Klick um zu Tweeten

Ich will Dich also einladen, Dir selbst zu vertrauen und deinen Frieden mit Deinen Glaubenssätzen zu machen. Zumindest mit denen, über die Du nicht ständig stolperst. Und vorerst auch mit denen, an die Du Dich noch nicht drantraust: Nach meinen unzähligen Erfahrungen mit meinen eigenen und fremden Glaubenssätzen zum Thmea Finanzen bin ich mittlerweile so weit, dass ich weiß, das ein jedes Ding – und auch jeder beschränkende Glaubenssatz – seine Zeit und seinen Nutzen hat.
Lass locker. Du musst Dich nicht auf Gedeih und Verderb umprogrammieren, Du musst noch nicht mal genauer hinschauen. Denn vielleicht brauchst Du den Schutz eines bestimmten Glaubenssatzes noch, vielleicht muss zuerst etwas anderes passiert sein, vielleicht hast Du auch nur ein Interpretationsproblem – egal was es ist, Dein Gras wird nicht schneller wachsen, wenn Du daran ziehst. Vertraue Dir, dass Du erkennen wirst, wenn die Zeit sich zu beschäftigen, gekommen ist.

Bis dahin sind Deine Glaubenssätze eben die, die Dich zu dem machen, der Du bist. Mit Dir ist alles in Ordnung.

 

 

P.S.: Dieser Artikel ist übrigens mit ganz viel Input aus der facebook-Gruppe „Deine Finanzbildung“ entstanden – vielen Dank dafür, Ihr Lieben!

 

 

Ein Kommentar, sei der nächste!

  1. Über Glaubenssätze zu diskutieren, endet in aller Regel in einer Endlosschleife. Eben weil wiederum Glaubenssätze unsere Meinung über Glaubenssätze beeinflussen oder gar dominieren.
    Es ist ein mutiger Versuch, mal ein „wenig Ordnung“ in solche Denksysteme hineinzubringen, sie einerseits als notwendige Entlastung von Hirnarbeit darzustellen, es aber andererseits auf eine solche Art und Weise zu tun, dass man doch mal tiefgreifender darüber nachdenkt, das Hirn also intensiver arbeiten lässt. Ein Paradoxon, ähnlich wie der Auftrag, gerade jetzt mal nicht an einen rosa Elefanten zu denken .
    Toll gemacht, liebe Anette! Und Dein Analyse-Ergebnis deckt sich so ziemlich mit einem meiner wichtigsten Glaubenssätze: „JEDER hat IMMER einen guten Grund für ALLES was er tut (oder lässt).“
    Die Betonung liegt auf „jeder“, „immer“ und „alles“, den typischen Begriffen, die in aller Regel Denkmuster als solche entlarven.
    Ein Hoch auf die Freiheit, dass ein jeder denken kann, wie und was er mag!
    Ein Hoch auf die Grenzen dieser Freiheit, sobald aus diesem Denken Schaden für mich oder für andere entsteht. Und genau da, wo diese Grenzen touchiert werden, hilft kein „Denk-Verbot“ sondern allenfalls der dringende Rat, doch mal etwas stärker nachzudenken.

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